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Girardihaus (Graz): Nun doch vor Abriss gerettet?

„Girardihaus ist gerettet“ heißt es in den aktuellen Medien. Unser Verein Initiative Denkmalschutz freut sich darüber, doch bleibt unser Verein vorerst sehr vorsichtig und möchte noch abwarten, zumal eine Abbruchbewilligung – wenn nicht sogar ein Beseitigungsauftrag – weiterhin gültig ist (vgl. „Auftrag für Abriss trotz Denkmalschutz!“; iD-Bericht, 4.12.2020). Zu viel Negatives sowie ungewöhnlichste, ganz plötzliche Wendungen hat unser Verein schon erlebt. Aber es gibt jetzt auf jeden Fall Grund zu berechtigter Hoffnung. Auf der offiziellen Website der Stadt Graz ist Folgendes zu lesen: „Gerettet: das Geburtshaus von Alexander Girardi“. Begründet wird dies mit der Einigung des Bürgermeisters Siegfried Nagl (ÖVP) mit dem Eigentümer, dem weststeirischen Unternehmer Otto Roiss. Auch die vielen Anfragen, insbesondere in den letzten Wochen an die Baubehörde, den politisch zuständigen Vizebürgermeister Mario Eustacchio (FPÖ) sowie an das Bundesdenkmalamt von der Initiative Soko Altstadt, Verein „Rettet das Girardihaus“ und unserem Verein „Initiative Denkmalschutz“ scheinen die Wirkung nicht verfehlt zu haben. Im Dezember gab es einen Besichtigung der Liegenschaft in der Leonhardstraße 28 (2. Grazer Bezirk St. Leonhard) im Beisein des Eigentümer und diversen Experten, darunter u.a. Vertreter des Bundesdenkmalamtes, der Altstadtsachverständigenkommission (ASVK), und zuständigen Abteilungen der Stadt Graz. Die Grazer ÖVP-FPÖ Koalition einigte sich darauf, das Girardihaus zu erhalten und ein Sanierungskonzept zu erstellen. Dies sollte heute aufgrund der Dringlichkeit als Nachtragsstück auf die Tagesordnung des Gemeinderates (17.12.2020) gesetzt werden. Mittels eines Baurechtsvertrages, welcher über eine Mindestdauer von 35 Jahren abgeschlossen wird, beabsichtigt die Stadt Graz, das Girardihaus in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt allen zuständigen Abteilungen sowie der Altstadtsachverständigenkommission zu sanieren. Angestrebt wird künftig ein Nutzungsmix aus Gastronomie mit Girardi-Museum sowie Büro- und Proberäume für die benachbarte Kunstuniversität Graz. Zur Bedeutung des Girardihauses führt das Bundesdenkmalamt in einer Stellungnahme Folgendes aus: „Das Bundesdenkmalamt sieht gerade in dem vorspringenden Baukörper in Verbindung mit der geringen Gebäudehöhe und dem tiefer liegenden Niveau ein wertvolles und besonders anschauliches Dokument der barocken Vorstadtbebauung, welches sich inmitten der Gründerzeitbauten durch einen speziellen Seltenheitswert auszeichnet. Die Bedeutung des Gebäudes nach dem Denkmalschutzgesetz manifestiert sich daher zunächst im Dokumentationswert für die Geschichte der Stadtentwicklung und Stadterweiterung von Graz, wobei das Objekt als exemplarisches Beispiel der Vorstadtbebauung vor den weitreichenden Bau- und Regulierungsmaßnahmen der Gründerzeit anzusehen ist. Wesentlich für den Denkmalcharakter des Girardihauses ist auch die innere Gebäudestruktur, die vor allem im älteren vorspringenden Gebäudeteil wichtige Anhaltspunkte für den barocken Ursprung der Bausubstanz (Gewölbe, Holztramdecke) bietet. Dem Objekt kommt daher auch ein Dokumentationswert für historische Bautechniken und -materialien zu. Zusätzlich ist eine herausragende kulturgeschichtliche bzw. kulturelle Bedeutung als Geburtshaus von Alexander Girardi gegeben. Auf die Gedenkstätte in Zusammenhang mit dem bedeutenden Schauspieler wird an der Fassade durch zwei Gedenktafeln hingewiesen.“ Umso unverständlicher war daher die laut Grazer.at getätigte Äußerung des Bürgermeisters Siegfried Nagl von vor zwei Jahren: „Das Haus in der Leonhardstraße stehe einzig und allein wegen der Verbindung zum Volksschauspieler Alexander Girardi unter Denkmalschutz, ’nicht weil es ein historisch so wertvolles Gebäude ist‘, betont Nagl.“ (Quelle: Der Grazer (17.6.2018): „Graz bekommt ein neues Girardihaus: Das alte steht vor dem Abriss“). Aktuelle Medienberichte vom 17. Dezember 2020: Der Grazer: Girardihaus ist gerettet: Stadt Graz macht ein Museum draus https://grazer.at/de/XhiC36va/girardihaus-ist-gerettet-stadt-graz-macht-ein Krone: Museum geplant. Sanierung: Die Stadt Graz rettet das Girardihaus! https://www.krone.at/2299609 MeinBezirk.at: Girardi-Haus gerettet: Gastronomie, Museum und Proberäume sollen entstehen https://www.meinbezirk.at/graz/c-lokales/girardi-haus-gerettet-gastronomie-museum-und-proberaeume-sollen-entstehen_a4406067 Kleine Zeitung (Bezahlschranke): Vorerst gerettet. Stadt Graz sichert sich desolates Girardihaus auf Zeit https://www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/5912630/Vorerst-gerettet_Stadt-Graz-sichert-sich-desolates-Girardihaus-auf Ältere iD-Berichte: 4.12.2020, Girardihaus (Graz): Auftrag für Abriss trotz Denkmalschutz! https://www.initiative-denkmalschutz.at/berichte/girardihaus-graz-auftrag-fuer-abriss-trotz-denkmalschutz 3.8.2020, Girardihaus (Graz): Aktivisten besetzen gefährdetes Altstadthaus https://www.initiative-denkmalschutz.at/berichte/girardihaus-graz-aktivisten-besetzen-gefaehrdetes-altstadthaus 12. Juni 2020, Girardihaus (Graz): Trotz Denkmalschutz nicht ‘schützenswert’? https://www.initiative-denkmalschutz.at/berichte/girardihaus-graz-trotz-denkmalschutz-nicht-schuetzenswert Linktipps: Verein „Rettet das Girardihaus“: http://www.girardihaus.at Das Girardihaus auf Baugeschichte.at: https://baugeschichte.at/Leonhardstra%C3%9Fe_28

Untersievering (Wien): Tragischer Kulturgutverlust vor Bauordnungsnovelle 2018

Bis zum Sommer 2018 waren erhaltenswerte historische Altbauten außerhalb von Schutzzonen quasi „vogelfrei“. Wenn die Gebäude nicht unter Denkmalschutz standen, reichte eine schlichte Mitteilung an die Baubehörde, und schon konnte mit dem Abriss begonnen werden. Bis 1996/97 war noch ein Ansuchen um eine Abbruchbewilligung nötig. Diese „Vereinfachung“ hatte fatale Folgen für den Altbaubestand in Wien. Der Druck auf das historische Kulturerbe Wiens wurde von Jahr zu Jahr stärker, sehr viele wertvolle Altbauten wurden in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten abgerissen. Oft kam auch das Denkmalamt zu spät, weil von der schlichten Mitteilung des Abrisses bis zum Abriss selbst blieb kaum mehr Zeit für das Bundesdenkmalamt blieb, Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen (so geschehen in der Castelligasse 1, 1a, Ecke Schloßgasse 5 * im Dezember 2001 im 5. Wiener Bezirk Margareten sowie bei der Jugendstilivilla in der Buchbergstraße 1 im 14. Wiener Bezirk Penzing; vgl. Denkma[i]l Nr. 4/2010, Seite 6 f.). Auch wenn beim hier gezeigten Beispiel, dem Haus Weinzingergasse 5 das Bundesdenkmalamt wohl von einer Unterschutzstellung abgesehen hätte, wäre dieses Haus seitens der Stadt Wien (Magistratsabteilung 19 – Architektur und Stadtgestaltung) mit Sicherheit als erhaltenswert eingestuft worden. Auch wurde jahrzehntelang verabsäumt großzügige Schutzzonenerweiterungen zu widmen, obwohl die Notwendigkeit dafür eine MA19-Studie aus dem Jahr 1996 dies unzweifelhaft festgestellt hat. Bei der letzten Umwidmung im Jahr 2005 wäre die ideale Gelegenheit für eine Schutzzonenerweiterung gewesen. Das Haus Weinzingergasse 5 wird – wie auch die benachbarten  – im Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler (Hrsg. Bundesdenkmalamt) angeführt: “Verbauung E[nde]. 19. -A[nfang] 20. Jh. (…) Weinzingergasse 5, altdeutsch mit origineller, durch Risalite und Erker gegliederter Fassade und originalem Türblatt” (S. 602). So konnte im Dezember 2016 problemlos mit dem Abbruch eines frisch renovierten Altbaus begonnen werden (weitere Fotos vom Abriss von Erich J. Schimek für die Initiative Denkmalschutz). Das Grundstück wird in Folge maximal verwertet. Unser Verein Initiative Denkmalschutz nahm den damaligen Abriss im Dezember 2016 zum Anlass auf die fatalen rechtlichen Rahmenbedingungen und den ungenügenden Schutz des Wiener Kulturerbes hinzuweisen, vgl. iD-Presseaussendung (20.12.2016): „Initiative Denkmalschutz: Weiterer Identitätsverlust in Döbling. Ein Ensemble in Untersievering wurde zerstört!„. Heute zeigt sich mehr als deutlich das jahrzehntelange Versagen der Wiener Stadtpolitik. Eine schmerzliche Lücke wurde in ein geschlossenes Ensemble geschlagen, der unpassende Neubau markiert diese Lücke umso deutlicher. Weiterführende Infos finden sich im sehr guten BLOG WienSchauen.at (16.12.2020): „Döbling: Die fatalen Folgen der fehlenden Schutzzone“. Wir haben den aktuellen Blog-Beitrag zum Anlass genommen diesen Fall noch einmal aufzuzeigen. Freuen wir uns aber auf einen so wichtigen Zwischenerfolg wie die Novelle der Bauordnung von Wien im Sommer 2018, trotzdem bleiben viele wertvolle Gebäude weiterhin gefährdet, trotz Schutzzone und Erhaltungsverpflichtung! Unser Verein wird sich weiterhin engagiert für den Erhalt dieser gefährdeten Kulturgüter einsetzen … * Zu Abriss Castelligasse 1, 1a, Ecke Schlossgasse 5: Vgl. auch APA-OTS, 12. Jänner 2002, FPÖ Wien FP-Herzog: „Innerstädtischer Musterbezirk“ von BV Wimmer in schiefem Licht! Abriß eines Biedermeierhauses in Margareten wirft Fragen auf!: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20020112_OTS0006